UNSERE VERGANGENHEIT

Durch den Import unserer Tücher aus der Türkei, habe ich mich auch für die Textilgeschichte der Schweiz interessiert. In Bezug auf dieses Thema gibt es aus unserer Vergangenheit auch Einiges zu berichten.
Je nach Region gab es verschiedene traditionelle Textilhandwerke und Produkte. Die Ostschweiz hat für ihre Stickerei weltweiten Ruhm erlangt.
Der Grossteil der Informationen zu diesem Artikel stammt von meinem empfehlenswerten Besuch im Textilmuseum St. Gallen.

 

        

LEINEN

Im Mittelalter ab 1200 bis 1700 werden in der Ostschweiz hochqualitative Leinenstoffe hergestellt und als teure Exportgüter von Nordafrika nach Russland bis in die Türkei gehandelt. Der Rohstoff von Leinen, die Flachspflanze, wächst in der Region sehr gut. Die Händler erlangen grossen Reichtum, wobei die Arbeiter, Handwerker und Bauern ein sehr tiefes und unsicheres Einkommen haben.

 

BAUMWOLLE

Ab 1730 verdrängt die Baumwolle aus Afrika das teure Leinen zunehmend. Die Baumwollespinnerei/ und –Weberei wird zunehmend wichtiger für die Region.
Ab 1800 werden die ersten mechanischen Spinnmaschinen in Betrieb genommen und verdrängen die Handspinner/ und – Weber. Um 1800 ist die Schweiz dank der Textilindustrie das Land mit den meisten Maschinen auf dem europäischen Kontinent. Das Zentrum der mechanischen Spinnerei in der Schweiz ist damals der Kanton Zürich.

 

STICKEREI

Die Stickerei wird als Handarbeit ab 1750 zur Veredelung der Baumwollstoffe angewendet und erlebt ihre erste Blüte. Ihr Erfolg beruht auf der Tradition, die Produktion in einzelne Schritte aufzuteilen (Spinnen, Weben, Besticken, Nachbehandeln). Durch die Erfindung der Stickmaschine erlebt die Ostschweizer Stickerei ab 1850 ihre goldenen Jahre bis zum ersten Weltkrieg 1914.

                      

AUTOMATISIERUNG

Durch das Einführen der automatischen Maschinen, erlebt das Metier einen grossen Wandel. Früher waren vor allem die Frauen für die  Handstickerei zuständig; fortan werden die Stickmaschinen aber von den Männern bedient. Die Nebenarbeiten, das mühsame Einfädeln der Nadeln und Überwachen der Stickmaschinen ist den Frauen und Kindern zugeteilt. Um 1884 erfindet Viktor Kobler Stauder die Fädelmaschine. Durch die Industrialisierung entsteht eine neue Klasse der Fabrikarbeiter.

Auch nach der Einführung der Handstickmaschine bleibt die Heimarbeit weit verbreitet. Die Familien arbeiten täglich oft 14 Stunden oder länger. Die Kinderarbeit ist in der Textilindustrie sehr verbreitet . Teilweise müssen die Kinder bereits mit 6 Jahren im elterlichen Gewerbe mithelfen und Sticknadeln einfädeln oder fertig bestickte Stoffe ausschneiden.

 

NEUE GESETZE

1877 wird das eidgenössiche Fabrikgesetz verabschiedet. Der Arzt und Fabrikinspektor Fridolin Schuler trägt durch sein Engagement zu dessen Umsetzung bei. Es soll für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Fabrikarbeiter sorgen. Es verbietet die Kinderarbeit in Fabriken vollständig, gilt aber nicht für die Heimarbeit.

WANDEL UND HEUTE

Nach dem ersten Weltkrieg folgt eine strukturelle Krise, denn die Mode hat sich geändert und funktionale Kleidung ist jetzt gefragt. Danach folgt die Weltwirtschaftskrise 1929. Die Gesellschaft ändert sich, damit auch ihre Bedürfnisse. Nach dem zweiten Weltkrieg erholt sich die die Textilindustrie langsam, sie erlangt aber nie mehr ihre frühere Bedeutung.
Heute konzentrieren sich die Unternehmen auf hochpreisige Nischenprodukte für die Haute Couture, die Lingerie, oder auf innovative Gewebe für die Medizin, die Architektur oder die Automobilindustrie.

 

 

EIN PAAR PERSÖNLICHE GEDANKEN

Ich finde es interessant, dass es hierzulande noch nicht so lange her ist, seit wir in Heimarbeit Textilien hergestellt haben. Das können wir uns heutzutage kaum mehr vorstellen, da unsere Kleidung meist im Ausland produziert wird. Wir kennen die Arbeitsbedingungen auch kaum.

In der Türkei habe ich einige Familien besucht, die in Heimarbeit herstellen. Falls sie nicht direkt verkaufen können, was selten vorkommt, verdienen sie sehr wenig daran. Ich frage mich manchmal, ob die Heimarbeit dort auch bald aussterben wird. Siehe mein Blogeintrag “Verliert die Türkei ihre jahrhundertealte Webertradition?“.

Ich bin gespannt darauf, wie die Entwicklung weitergehen wird.